Robicsek Geschichte

Leopold Robicsek dürfte ein origineller Mensch gewesen sein, der die Presse geschickt für seine Belange einzusetzen wusste. 42 Treffer listet "ANNO" auf. Bis ich eines Besseren belehrt werde, gehe ich davon aus, dass es sich bei allen genannten Personen um den späteren Inhaber der "k. k. priv. Rollbalkenfabrik" handelt. Auffallend ist, dass im Zeitraum von 1881 bis 1926 nur zwei (erkennbare) Werbeeinschaltungen zu finden sind.

 

1881 springt Leopold Robicsek, ohne Berufsbezeichnung, dafür als "Mitglied des Rudervereins 'Donauhort'" ausgewiesen, ins mediale Bewusstsein. Die "Neue Freie Presse" berichtet in ihrer Morgenausgabe vom 24. August 1881, dass am Vorabend ein "ältlicher Herr [...] in Nußdorf beim Sperrschiffe" ins Wasser gefallen und von ebendiesem Herrn Robicsek an das Ufer zurückgebracht worden sei. In der Morgenausgabe vom 26. August ist dann zu lesen, dass der Herr "eigentlich durch den Aufseher beim Sperrschiffe, Georg Zehetmayer, aus den Wellen gerettet worden" sei, was in der Abendausgabe desselben Tages Herrn Robicsek auf den Plan ruft, der den gesamten Vorfall nun aus seiner Sicht schildert.

 

Beim Ringtheaterbrand vom 8. Dezember gehört er dann selbst zu den Geretteten bzw. Überlebenden, wie der Zeitung vom 10. Dezember zu entnehmen ist.

Die erste Notiz, die ihn in die Nähe von Metall bringt, stammt aus der "Presse" vom 6. Juni 1883. Im "Register für Gesellschaftsfirmen" wurden Alexander Herzog und Leopold Robicsek eingetragen als ""Commissionshändler mit landwirthschaftlichen Maschinen und deren Bestandtheilen", Sitz war 2. Bezirk, Praterstraße 50.

 

Am 24. November 1884 bietet ihnen die "Neue Freie Presse" Raum, um über die "Constellation des Maschinenmarktes" zu berichten. "Das Incasso aus den Geschäften verflossener Campagne ist im Allgemeinen nicht sehr befriedigend", schließt der "Original-Bericht und soll wohl heißen, dass mit Anzeigen nicht zu rechnen ist.

Heftiger Realitäten-Verkehr

 

Zeichneten sich andere Betriebe durch mehr oder weniger ausgeprägte Standorttreue aus, so war Robicsek ein Wanderer zwischen den Bezirken.

 

Des besseren Überblicks wegen fasse ich An- und Verkäufe, sowie bekannte Firmen- und Wohnsitze hier zusammen:

 

  • 6. Juni 1883 erste bekannte Adresse: Wien, 2., Praterstraße 50
  • 12. November 1885: Leopold Robicsek kauft das Haus in Wien, 2., Nestroygasse 6 von Moriz und Josephine Paschka um 18.000 fl. (heute fast 231.000 Euro)
  • 10. Mai 1893: Wien, 2., Treustraße 6
  • 30. Mai 1896: Wien, XVIII., Hauptstraße 51
  • 15. Juni 1896: "Die Baustellen G.-E. Z. 1131 und 1755 Gentzgasse an Ludwig Zatzka von Leopold Robicsek und Alexander Herzog", weiß die "Hausbesitzer/Hausherrenzeitung"
  • 14. Oktober 1901: "das Haus G.-E. Z. 11 Währingerstraße an die protokollierte Firma Brüder Hesty, Leopold Robicsek und Emil Fürth von Leopold Janu. ("Neues Wiener Tagblatt")
  • 28. Januar 1903: "das Haus Quellengasse Nr. 79, 81 und 83 an Leopold Robicsek von Jakob Weiser"
  • 19. März 1903 Wien, 16., Redtenbachergasse 59
  • 11. September 1926 letzte Erwähnung in Wien, 12., Schönbrunner Straße 254

 

Die Adressen 16., Geblergasse 66 und 18., Weinhauserstraße 55, die auf den Bildern der vorherigen Seite zu sehen sind, kann ich zeitlich noch nicht zuordnen. Letztere wurde irgendwann zu einer Gasse, zu kurz, um 55 Hausnummern Platz zu bieten. Wie mir Frau Doris Weis, Museumsleiterin des Bezirksmuseums Währing, erzählt hat, ist ein Teil der Weinhauserstraße in der heutigen Währingerstraße aufgegangen. Der genaue Firmensitz ließ sich bisher nicht eruieren.

 

Am 22. und 23. März 1887 teilen die "Presse" und die "Wiener Zeitung" mit, dass die "Fabrik für landwirthschaftliche Maschinen und Eisenconstructionen Julius Paschka" in "Paschka'sche Fabrik für Maschinen und Eisenconstructionen Leop. Robicsek" umbenannt wurde.

 

Das "Neuigkeits Weltblatt" vom 11. September 1887 ist begeistert von dem "neuen verbesserten System total geräuschloser Rollbalken", welches Leopold Robicsek "(vorm. Paschka)" anbietet. Moriz Paschka hat am 28. November 1883 ein Privileg auf "Verbesserungen an Rollläden zur Erzielung eines geräuschlosen Ganges" erhalten, veröffentlicht in der "Wiener Zeitung", und ebenda ist am 17. Juni 1890 von einer "vollständigen Privilegiums-Übertragung" zu lesen.

 

Noch größere Begeisterung über Robicseks geräuschlose Rollbalken äußerte die "Neue Warte am Inn" vom 21. April 1888. Aus diesem, heute würde es man wohl Advertorial nennen, erfahren wir immerhin, dass die Firma 1860 gegründet wurde. Bei der Aufzählung der Vorteile widerspricht sich allerdings der Verfasser dieser Lobeshymne. Geräuschlosigkeit ist ein wichtiges Thema diese Erfindung betreffend und wird auch entsprechend betont. Bei der Sicherheit aber passiert ihm ein Lapsus, der darauf hinweist, dass weder die angepriesenen Rollbalken im Besonderen, noch die Neuerung im Allgemeinen jemals wirklich vollkommen geräuschlos funktioniert haben dürften: "Kein Einbrecher wagt sich an eine Rollthüre heran. [...weil] er bei der kleinsten Berührung eines Rollbalkens einen solchen Lärm erzeugt, daß er sofort verrathen wird."

Sein großes Herz bewies er schon am Abend des 8. Januar 1889, als er einer "alten und kränklichen Frau", die nach einer Delogierung auf der Straße stand, "Unterkunft in seinen Geschäfts-Localitäten gewährte."

 

Am 1. Mai d. J. war in der "Wiener Zeitung" zu erfahren, dass sich die "Firma Leop. Robicsek & Herzog [...] in Liquidation befindet", Leopold Robicsek wird als "alleiniger Liquidator" geführt.

 

"Zur Gründung und Erhaltung von Wärmestuben in Wien" steuerte Robicsek am 15. Dezember noch "eine Fuhr Holzabfälle nach Bestellung" bei, wie die "Administration der Neuen Freien Presse" verlautbart und am selben Tag erscheint in der "Bombe" eine schnörkellose und zweifelsfrei als solche erkennbare Werbeeinschaltung.

Am 15. Februar 1890 wird im "Badner Bezirksblatt" (links unten), in der "Südsteirischen Post" und am 2. März in der "Bukowinaer Rundschau" eine höchst amüsante Begebenheit geschildert, die so auch von Herrn Robicsek erfunden worden sein könnte.

 

Zwei Punkte sind mir besonders aufgefallen: In den von mir durchstöberten Zeitungen wurden Personen praktisch immer mit vollständigem Namen und Anschrift angeführt, egal ob es sich hierbei um einen Konkurs, einen Selbstmordversuch oder um amtlich attestierten Blödsinn handelte. In diesem Bericht ist von "einem Concurrenten Namens B. K." die Rede, im weiteren Verlauf nur "B", was zweitens sonderbar ist, als das Muster für die Angabe von Personennamen "Vorname, Nachname" durchgängig eingehalten wird und Robicsek damit seinen "Concurrenten" beim Vornamen genannt hätte.

 

Wie auch immer - einfach lesen und schmunzeln!

Am 17. Mai 1891 wurde die "Neue Freie Presse" doch noch mit einer richtigen Werbeeinschaltung beglückt:

Irgendwann im Jahre 1891 heiratet er Elise Rosenthal, wie aus den "Handelsgerichtlichen Kundmachungen" in der "Neuen Freien Presse" vom 11. Oktober herauszulesen ist.

 

Die "Wiener Zeitung" vom 6. September 1892 "erinnert dem Dr. Bela von Szotyory" an einen unbezahlten "Primawechsel". Ein wunderschönes Beispiel für das Amtsdeutsch (nicht nur?) dieser Tage. Die 1050 fl. Ö. W. sind heute gut 14.000 Euro.

Der Adel scheint nicht so zuverlässig zu sein, wie er lt. Sprichwort "verpflichtet" ist. "Die Presse" vom 6. Oktober 1892 erinnert diesmal "dem Herrn Adolph Baron Blome" an einen unbezahlten Wechsel in Höhe von 5.000 fl., heute immerhin über 67.000 Euro. Und weil es gerade zum Thema passt - auch eine "Gräfin Anna Hügel" musste am 28. Oktober 1911 via "Wiener Zeitung" an ihre Verpflichtungen erinnert werden.

"Zur Strikebewegung" in Wien

 

1893 streikten nicht nur die Zimmermannsgehilfen wie aus dem Bericht in der "Neuen Freien Presse" vom 10. Mai zu erfahren ist. Amalie Seidel organisierte dieser Tage den ersten Arbeiterinnenstreik und Leopold Robicsek, inzwischen in der Treustraße 6 ansässig, hatte auch dazu etwas zu sagen.

In der "Arbeiterzeitung" gab es einen "Briefkasten der Redaktion". Ich habe keine Ahnung, was es damit auf sich hatte, aber am 30. Mai 1896 taucht unter Punkt "R. K. Haindorf." neben Johann Anderle und E. S. Rosenthal's Erben auch Leopold Robicsek auf, in "Wien, XVIII, Hauptstraße Nr. 51"

 

Die nächsten Jahre scheinen sich Robicsek und auch Herzog dem Realitätenverkehr zu widmen. In der Nacht vom 18. auf den 19. März 1903 bricht ein Großband in Ottakring aus. In der Tagesausgabe des "Neuen Wiener Tagblatts" ist erst von einem Brand "nächst dem Rosenhügel" die Rede, bevor die "Rollbalkenfabrik des Leopold Robicsek" als Brandort lokalisiert wurde. In der Abendausgabe desselben Tages wird ausführlich darüber berichtet, Brandort ist diesmal die "Albrechtskreithgasse Nr. 15". In der Tagesausgabe vom 20. März lässt Herr Robicsek, diesmal "16. Bezirk, Redtenbachergasse Nr. 59", ausrichten, dass "seine Werkstätten glücklicherweise verschont" geblieben sind. Bei den beiden Adressen handelt es sich um ein und dasselbe Haus.

Aus dem "Pester Lloyd" vom 28. Dezember 1904 ist zu erfahren, dass Herr Moriz Paschka im 71. Lebensjahr verstorben ist. Wir erinnern uns? Von ihm hat Leopold Robicsek vor bald 20 Jahren das Haus in der Nestroygasse erworben. Was an der Anzeige verstörend wirkt und ich sonst nur bei der Vorstellung von Ehefrauen aus amerikanischen Filmen kenne, ist die Bezeichnung der Schwiegertöchter als "Frau Ludwig Paschka und Frau Leopold Paschka".

Der "Bautechniker" vom 27. Januar 1905 meldet die Löschung des Inhabers "Leopold Robicsek infolge Geschäftsveräusserung", neuer Inhaber ist Jakob Liebermann, der die Firma zunächst als "Leop. Robicseks Nachfolger", später unter eigenem Namen führt.

 

Dreimal noch taucht der Name Robicsek in meinen Fundstücken auf und dann ist Schluss mit diesem Betrieb, der mich immer schmunzeln lässt, wenn ich auf eine seiner raren Hinterlassenschaften treffe.

 

Im Zusammenhang mit der "Verlassenschaft nach Dr. Richard Ziffer" verkündet die "Wiener Zeitung" vom 2. Mai 1922, von der "Beschlussfassung über die Zahlung von 2500 K an Leopold Robicsek." Das Land litt noch unter den Folgen des 1. Weltkriegs und in den Jahren 1921 undd 1922 kam es zu einem weltweiten Konjunktureinbruch. Die 2500 Kronen wären umgerechnet heute 2,62 Euro, dafür ist Herr Robicsek wahrscheinlich nicht aus dem Haus gegangen. Aus derselben Zeitung ist am 11. September 1926 vom Ableben Ignaz Robicseks zu lesen und am 21. November d. J., dass an Leopold Robicsek und Ing. Felix Steiner die Prokura erteilt wurde. Die neue Adresse der Firma "Robicsek & Co." lautet "Wien, 12. Bez., Schönbrunner Straße 254.