Einleitung Rollbalken

Der ROLLBALKEN,

 

auch Rollbalkenverschluss, Stahlrohrverschluss, in Deutschland (nur hier?) Rollladen.

Rollladen, ähnlich wie Rollos, würde ich eher mit Fenstern in Zusammenhang bringen.

Neutral drückt sich hier Wikipedia aus, wonach ein Rollladen ein "Rollabschluss ist, der als zusätzlicher Abschluss einer Öffnung dient."

 

Ein Balken, man denke etwa an einen Grenzbalken, ist für mich ein deutlich wuchtigeres Stück Holz als ein Laden, also ein Brett. Laut Wikipedia stellt "der Balken die stärkste Klasse von Schnittholz" dar.

 

Die Fenster im Hause meiner Oma wurden gegen Abend mit zweiteiligen, hölzernen Läden verschlossen. Sommers auch um die Mittagszeit, wenn die Bewohner sich zur Mittagsruhe betteten, oder wenn, selten genug, eine schwarz gefangene Forelle auf den Tisch kam, was die Nachbarn natürlich nicht mitbekommen sollten. "Baikal", mit Betonung auf der ersten Silbe und "gg" in der Mitte, sodass ein Unterschied zum tiefsten und ältesten Süßwassersee in Sibirien erkennbar ist, hießen diese Läden bei uns, was ich als Diminutiv zum Balken sehen würde. Im geöffneten Zustand wurden sie mit "Fensterreiberl" fixiert, was auch ein hübsches Thema für die Verschlusssachen wäre...

 

Der Laden war "ursprünglich ein Brett (...) auf dem Waren unterschiedlicher Art feilgeboten wurden." Und weiters steht hier: "Mittelalterliche Handwerker und Händler (Krämer oder Kramhändler) benutzten horizontal gelagerte Holzplanken sowohl als Verschluss ihrer Werkstatt bzw. ihres Verkaufsstands als auch – in geöffnetem Zustand – für die Warenauslage." Allerdings scheint mir das, was in Deutschland als Laden gilt, in Österreich (oder nur in Wien?) ein Geschäftslokal zu sein.

 

Bei einem Besuch bei Herrn Kopriva im 2. Bezirk konnte ich einen noch nicht verbauten "Rollbalken" sehen. Nüchtern betrachtet ist das ein Stück Wellblech - aus elastischem Stahl, immerhin - aber dünn genug, dass es mit einem Bajonett durchstochen werden konnte, wie in alten Zeitungsausschnitten zu lesen ist. Die Bezeichnung "Balken" ist dann wohl als Euphemismus zu sehen, mit dem Sicherheit und Stabilität versprochen werden sollten. (Wobei die zahlreichen Werbeeinschaltungen in alten Zeitungen ein schier unerschöpflicher Quell gruseligen Ergötzens sind - was bin ich froh, heute zu leben!)

Lt. Kopriva ist die Nachfrage nach Rollbalken schon seit vielen Jahren rückläufig, er schwört auf die in seinem Betrieb produzierten Scherengitter. Wer ganz sicher gehen will, kombiniert beide Methoden.

 

"Wer hat's erfunden?"

 

Erfunden haben es wahrscheinlich die Römer (wenn sie es nicht von den Griechen "geklaut"haben, die es von den Ägyptern, die...), deren "Klappläden aus Holz" dem Sichtschutz dienten. "Im 18. Jahrhundert entwickelten die Franzosen Jalousien, die zuerst starr, später mittels Bändern zusammenziehbar waren (Zugjalousien). In einem weiteren Schritt wurden Jalousien entwickelt, die mittels einer Welle aufrollbar waren (Rolljalousien). Daraus entstand der heutige Rollladen."

Bei den Rollladen kann ich mir den Verweis auf Krautrouladen, Bisquitrouladen, Rindsrouladen etc. nicht verkneifen, was die Jalousie mit Eifersucht zu tun hat, ist hier in Ansätzen und von Frau Mag. Sonja Winkler im Standard umfassend erklärt.

 

Beim derzeitigen Stand meiner Recherchen spielen die Engländer eine wichtige Rolle, vor allem "Clark & Co., London" wird immer wieder erwähnt.

 

In einer kleinen Anzeige im "Dublin Builder" vom 1. Juli 1859 präsentieren sie sich als "Original Inventors And Patentees Of Revolving Shutters"

 

In G. R. Burnells "Builder's and Contractor's Price Book for 1861" bieten sie auf Seite 300 "Clark's Patent Revolving Shutters in Iron, Wood, and Steel (...) at very reduced prices."

In der Ausgabe von 1866 werben sie mit einer "Prize Medal, Dublin Exhibition, 1865".

 

Der Rollbalken kommt nach Wien

 

Im Vorfeld der Weltausstellung von 1873 in Wien wird die Teilnahme der Firma Clark & Co. avisiert, die 1867 in Paris mit ihrem Patent reüssiert haben soll. In den mir zugänglichen Katalogen der Pariser Weltausstellung habe ich allerdings noch keinen Eintrag von Clark & Co. gefunden.

 

Zehn Jahre später treten im "Bautechniker" vom 23. März 1883 zwei Kontrahenten auf, von denen in den nächsten Jahren noch öfter zu lesen sein wird: redaktionell angepriesen "E. S. Rosenthal vorm. Clark & C., London" und Johann Anderle als "Erfinder der ersten k.k. priv. geräuschlosen eisernen Rollverschlüsse (...)"

 

"Geräuschlos" ist ein Schlüsselwort, das Produzenten, Magistrat, Kunden, Presse und Publikum die nächsten 35 Jahre begleiten und intensiv beschäftigen wird. In Gesprächen mit Maler-, Bau- und Schlossermeistern konnte ich feststellen, dass sich das Thema "Geräuschentwicklung" tief ins kollektive Gedächtnis der mit der Materie betrauten Fachleute gegraben hat und auch heute noch präsent ist.

 

Während meiner fotografischen Erkundigungen greife ich normalerweise nichts an. Einmal aber war ein Rollbalken an einem Fenster schon ein bisschen angehoben. Um erkennen zu können, was sich dahinter verbirgt, habe ich selbigen noch ein wenig weiter nach oben bewegt - das Geräusch könnte Bernard Hermann zur musikalischen Untermalung der berühmten Duschszene in Hitchcocks "Psycho" inspiriert haben. Fingernägel auf einer Schultafel oder eine Gabel über einen leeren Prozellanteller wirken dagegen fast entspannend. Ein ähnliches Geräusch kann man manchmal beim Zurückschieben von Einkaufswagen vernehmen oder in unserer Küche, wenn ein Backblech ins Backrohr geschoben wird.

 

Die Ränder der Rollbalken wurden in ihrer ursprünglichen Version von geflochtenen Metallbändern gesäumt. Ungeschmiert und nach längerer Verweildauer in gleichermaßen rostigen Laufschienen entsteht bei Bewegung ein mühsam knirschend-schabend-kreischendes Geräusch, das alle Körperhärchen in Alarmbereitschaft versetzt und bis tief in die Zahnwurzeln vordringt.

 

Wien als Zentrum des Widerstands

 

Hat man erst einmal Gefallen an diesen stählernen Zeitzeugen gefunden, dann springen einem die Rollbalken in allen möglichen Variationen entgegen. Mit unterschiedlicher Gewichtung haben sich die Bezirke innerhalb des Gürtels als Hotspots erwiesen, außerhalb des Gürtels sind es die Bezirke 15 bis 18, in denen ich immer wieder aufs Neue fündig werde. Vorhanden, aber spärlich gesät sind die Objekte meiner Begierde im 19. Bezirk. Nur gestreift habe ich bisher die Bezirke 10 bis 14, transdanubisch ist im 21. Bezirk noch einiges zu entdecken. In der Donaustadt habe ich bisher noch nichts gefunden, und der 23. Bezirk ist noch gänzlich unerforscht.