Ansichtssache

Wiens vergessene Schlo(e)sser

 

Am Abend des 1. Mai 1873 krachten die eisernen Rollbalken mit "dröhnendem Getöse" zum ersten Mal ins Bewusstsein der Besucher der Wiener Weltausstellung. (Schon kurz danach krachten im Rahmen des "Gründerkrachs" auch die Börsenkurse ins Bodenlose, aber das ist eine andere Geschichte.) Eigentlich dazu gedacht, ungebetenen Gästen den Zutritt zu verwehren, orientierten sich die Besucher der diversen Pavillons die ersten 14 Tage am Rhythmus der später als geräuschlos gepriesenen Stahlverschlüsse. Wurden sie runtergelassen, war es Zeit zu gehen. Die Organisatoren der fünften Weltausstellung (die die in sie gesetzten Erwartungen übrigens bei weitem nicht erfüllte und zusätzlich mit fast 15 Millionen Gulden, heute über 163 Millionen Euro, aus der Staatskasse unterstützt werden musste) fanden bald eine andere Lösung. Bericht im Volksblatt für Stadt und Land vom 15. Mai 1873 unten links

Volksblatt für Stadt und Land, 15. Mai 1873

 

"Wer hat's erfunden?"

 

1851 ging in London auf Anregung Prinz Alberts die erste Weltausstellung über die Bühne. Das nach ihm benannte Genitalpiercing wird wohl nicht unter den Ausstellungsobjekten gewesen sein.

 

Mitte der 1850er-Jahre hatte Sir Henry Bessemer mit der Bessemerbirne eine Methode entwickelt, um Stahl günstig und in großen Mengen zu produzieren. 1859 trat die Firma Clark & Co. als "Original Inventors And Patentees Of Revolving Shutters" auf den Plan.

Bei der fünften Weltausstellung 1867 in Paris wurden die Stahlverschlüsse aus England schon wohlwollend bestaunt und im Vorfeld der Wiener Weltausstellung 1873 kam es zu Vereinbarungen zwischen dem "General-Director [...] und dem Chef der Firma Alexander Clark", wonach für den Industriepalast "208 Rollbalken-Verschlüsse als Ausstellungs-Objecte leihweise" geliefert wurden.

1874 taucht schon die Firma E. S. Rosenthal als "Repräsentant für Clark & Comp mit Sitz in der Kärntnerstraße 8" auf. Diese Firma, später "E. S. Rosenthal's Erben", wurde 1795 gegründet und dürfte in Sachen Rollbalken einige Zeitlang einer der Big Player gewesen sein.

 

"Wer hat's wirklich erfunden?"

 

Da weiß Wikipedia einiges zu berichten: Offenbar hatten schon die Römer (wenn sie es nicht von den Griechen "geklaut"haben, die es von den Ägyptern, die...), "Klappläden aus Holz", die dem Sichtschutz dienten. "Im 18. Jahrhundert entwickelten die Franzosen Jalousien, die zuerst starr, später mittels Bändern zusammenziehbar waren (Zugjalousien). In einem weiteren Schritt wurden Jalousien entwickelt, die mittels einer Welle aufrollbar waren (Rolljalousien). Daraus entstand der heutige Rollladen." Was die Jalousie mit Eifersucht zu tun hat, ist hier in Ansätzen und von Frau Mag. Sonja Winkler im Standard umfassend erklärt.

 

Der Laden war "ursprünglich ein Brett (...) auf dem Waren unterschiedlicher Art feilgeboten wurden." Und weiters weiß Tante Wiki: "Mittelalterliche Handwerker und Händler (Krämer oder Kramhändler) benutzten horizontal gelagerte Holzplanken sowohl als Verschluss ihrer Werkstatt bzw. ihres Verkaufsstands als auch – in geöffnetem Zustand – für die Warenauslage." Ob es regionale/nationale Unterschiede in der Verwendung von Laden vs. Geschäftslokal gibt, kann ich nicht beantworten. Mir erscheint Laden die deutschere Verwendung, andrerseits hat Herr Wlaschek sein erstes Geschäft "Billiger Laden" genannt, vielleicht hat er aber auch schon geahnt, dass er dereinst an einen deutschen Konzern verkaufen wird. Am Land, zumindest dem niederösterreichischen, geht man gerne auch zur BILLA, was ich sehr sympathisch finde, doch ich schweife ab.

 

Ein Balken, ich denke da zuvörderst an einen Grenzbalken, ist für mich ein deutlich wuchtigeres Stück Holz als ein Laden, also ein Brett. Wikipedia gibt mir in dieser Einschätzung recht, stellt doch "der Balken die stärkste Klasse von Schnittholz" dar.

 

Bei einem Besuch bei Herrn Kopriva im 2. Bezirk konnte ich einen noch nicht verbauten "Rollbalken" sehen. Nüchtern betrachtet ist das ein Stück Wellblech - aus elastischem Stahl, immerhin - aber dünn genug, dass es mit einem Bajonett durchstochen werden konnte, wie in alten Zeitungsausschnitten zu lesen ist. Die Bezeichnung "Balken" ist dann wohl als Euphemismus zu sehen, mit dem Sicherheit und Stabilität versprochen werden sollten. (Wobei die zahlreichen Werbeeinschaltungen in alten Zeitungen ein schier unerschöpflicher Quell gruseligen Ergötzens sind - was bin ich froh, heute zu leben!)

Lehrer Professor, Stuhl Sessel, Laden Balken

 

Nach wenigen Streifzügen durch Wien konnte ich schon auf eine erkleckliche Anzahl an Namen, unterschiedlichen Schlössern und Plaketten blicken. Erste Internet-Recherchen waren leidlich erfolgreich, bis ich auf ANNO gestoßen bin, den "virtuellen Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek". Vor der Verwendung dieses Links kann eigentlich nur ausdrücklich gewarnt werden, die Suchtgefahr ist außerordentlich groß. In Volltextsuche kann in österreichischen Zeitungen und Zeitschriften von 1689 bis 1946 geschmökert werden. Da ist eine Nacht schnell vorbei und man hat noch nicht einmal an der Oberfläche gekratzt. In Fachzeitschriften wie "Der Bautechniker", dann natürlich der Wiener Zeitung, der Presse, der Neuen Freien Presse und ungezählten anderen Druckwerken bin ich zu einigen Betrieben fündig geworden.

 

Nicht das Weite suchen, sondern das Nahe finden.

 

Kasten mit Latten, Laden, Balken...

 

Um ein martialisches Bild zu zeichnen, ist der Rollbalken wie eine Bombe in Wien eingeschlagen und hat in der Umgebung ein paar Splitter hinterlassen.

 

Die Gräuel der Revolution von 1848 dürften noch im Genom der Bevölkerung verankert gewesen sein. Der Zuzug nach Wien nahm immer schneller Fahrt auf und ging einher mit der zunehmenden Industrialisierung der Hauptstadt. Von 1850 bis 1916 hat sich die Einwohnerzahl Österreichs nicht einmal verdoppelt, die von Wien ziemlich genau vervierfacht. Vielleicht war es dann auch der Gründerkrach zum Zeitpunkt der Weltausstellung 1873, der die Wohlhabenden an die Endlichkeit ihres Daseins und die Vergänglichkeit irdischer Werte erinnert hat? Oder sind die Wiener einfach am begeistertsten dem Marketingsprech auf den Leim gegangen?